Gutmensch – Rezension

von Fynn Geifes


„Erst kommt das Fressen,
dann kommt die Moral!“

Mit diesen gewichtigen Worten aus der Dreigroschenoper beginnt die Aufführung des Gutmenschen, eines Stücks, dass der Fusionsküche entsprungen scheint. Doch – sie schmeckt, diese Fusion aus der oben genannten Oper von Bertolt Brecht, und dem Guten Menschen von Sezuan, ebenfalls Brechts Feder entsprungen.

Noch bevor der Vorhang sich geöffnet hatte, fiel dem Zuschauer schon eines auf. Er saß nicht vor der Bühne, die Bühne stand um ihn. Man steht nicht davor, man betrachtet das Geschehen in Sezuan nicht aus der Ferne, nein – man ist selbst Teil dieser Aufführung ganz in Brecht’scher Tradition. Diese Einbindung bleibt bis zur letzten der gut 90 Minuten Laufzeit auch erhalten. Denn Brecht’sches Theater muss nicht bespaßen oder die Gemüter erhellen. Erreicht es das Gegenteil, so hat es wohl seine Bestimmung erfüllt. Denn Brecht trifft seine Zuschauer genau dort, wo es am meisten schmerzt, und lässt seine Götter schon nach dem Prolog nichts geringeres fragen, als ob es noch einen guten Menschen auf Erden gäbe.

Wang (Merrick Blunk, Q11), ein gutmütiger Wasserverkäufer will ihnen sogleich Obdach verschaffen, doch die Türen der Menschen sind verschlossen, ebenso wie ihre Herzen. Nur an einer Hütte wird den Göttern aufgetan, an der der prostituierten Shen Te (Franziska Metz, Q11). Sie erweist sich, trotz ihrer eigenen finanziellen Not als gastlich, und bietet den Erhabenen Obdach. Als Dank erhält sie von den Göttern einen Tabakladen, doch schon bald machen sich dort die Schmarotzer breit, doch die gutmütige Shen Te gewährt den Notleidenden gerne Unterschlupf. Als ihr Laden jedoch unwirtschaftlich wird, und noch dazu die Mietrate ansteht, beschließt sie, inspiriert durch alte Freunde, selbst in die Rolle ihres erfundenen Vetters Shui Ta zu schlüpfen.

Unerkannt vertreibt sie in dieser Gestalt die Schnorrer und Bittsteller, und kann sogar den Laden retten. Der örtliche Polizist (Valeska Kolominsky, Q12) rät dem „Vetter“ jedoch, einen Mann für Shen Te zu suchen, damit dieser den Laden finanziell unterstützen kann.

Kurz darauf trifft sie, jetzt wieder unverkleidet, auf Yang Sun (Dominik Delinic, Q11), einen arbeitslosen Flieger, der sich an einem Baum erhängen will. Es gelingt Shen Te, ihn vom Selbstmord abzubringen, sie verliebt sich gar Hals über Kopf in den jungen Piloten. Dessen Mutter, Frau Yang (Elisa Pellissetti, Q11), kann sie sogar überzeugen, Sun 200 Silberdollar, die Te sich zuvor geliehen hatte, zu überlassen, damit dieser wieder fliegen könne. Doch damit nicht genug, auch ihren Laden solle sie verkaufen, doch das kann Shen Te, die ein schlechtes gewissen gegenüber der Alten plagt, von der sie sich Geld geliehen hatte. Auch die geplante Hochzeit fällt ins Wasser.

Um ihr Geschäft zu retten, gibt Shen Te, nun auch noch schwanger, wieder vor, sie sei verreist, und mimt erneut ihren Vetter. In dieser kann sie, im krassen Gegensatz zu ihren eigenen Prinzipien, hart durchgreifen, und es gelingt ihr, wenn auch nicht ganz ohne Betrug und Erpressung, eine ganze Fabrik aus dem Laden zu errichten. Sun, dort zuerst als einfacher Arbeiter uns später als Prokurist angestellt, vermutet jedoch mit der Zeit, Shui Ta hielte die echte Shen Te gefangen, oder habe sie gar ermordet, und zeigt diesen deshalb an. Obwohl die Polizisten keine Hinweise finden, wird „er“ dennoch vor Gericht gezerrt. Dort, von allen Seiten unter Druck gesetzt, bricht Shen Te schließlich zusammen, und gesteht. Das Stück endet abrupt mit diesen Worten:

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen,
den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Nun ist es also an der Zeit, dass ich meinen eigenen Senf dazu gebe, doch unser Fusionsgericht will ich damit eigentlich nicht versauen. Denn, so gern ich es auch täte, viel zu meckern gibt es nicht. Die schauspielerische Leistung aller Teilnehmer ist mindestens beachtlich zu nennen, denn nicht nur die eigenen Rollen wurden authentisch verkörpert, sondern auch das Zusammenspiel zwischen allen Beteiligten verlief reibungslos – und dies auch noch trotz einer wirklich sehr kurzen Probenzeit. Doch oben schrieb ich, dass ein Stück von Brecht nicht lustig sein sollte, dass es treffen und bewegen muss. Und das tat es. Ich weiß nicht, ob es der Appell kurz bevor der Vorhang fiel war, oder es schon vorher feststand. Mich hat es getroffen, mich hat es bewegt, und deshalb spreche ich dieser Aufführung

9 von 10 Sternen aus.

Die Umfrage unter den Zuschauern, sowie auch unter den Mitwirkenden ergab folgendes Ergebnis:

8,8 von 10 Sternen.

Bilder:

Alle Bilder © Theo Hecht, Q11

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Über humblatt

humblatt - die Schülerzeitung des Gymnasium Fridericianum Erlangen mit Berichten und Artikeln aus dem Schulleben, Politik, der Region, der Welt und allem anderen, was uns Schüler bewegt.

Veröffentlicht am März 27, 2019 in HumKultur, Rezensionen und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Toll, na wenn das keinen Appetit auf Fusionsküche macht – gibt ja noch ’ne Vorstellung!

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